Fachschaft Slavistik Freiburg

Наше дело – предложить, ваше дело – согласиться.

Wo ich in der Slavistik Muße erlebe und wo nicht (und warum)

von Dr. Regine Nohejl


Der nachfolgende Text ist am 21.11.2018 im Rahmen der Sitzung der Arbeitsgruppe Muße und Wissenschaft des Sonderforschungsbereichs Muße entstanden. Wir danken herzlich Frau Nohejl für die Bereitstellung.


Die westliche Slavistik ist eine vergleichsweise junge Wissenschaft. Das Fach ist bis heute nicht in dem Maße etabliert, wie es die großen Traditionsfächer sind ‒ mit allen Vor- und Nachteilen, die solche geringere Etabliertheit mit sich bringt: mehr Abstand, mehr Freiräume, aber auch mehr Unsicherheit, mehr Unwägbarkeiten ‒ im Denken wie im akademischen Alltag.

Die slavischen Kulturen sind im Hinblick auf Europa randständige Territorien, Grauzonen, halb vertraut, halb fremd. Die Auseinandersetzung mit ihnen war nie neutral, sondern in erheblichem Maße ideologiegeprägt. Das hat sich auch in der Geschichte der Slavistik als wissenschaftlicher Disziplin niedergeschlagen. Wer sich mit ihr befasst, sieht sich ziemlich schnell mit dem Dilemma des „eurozentrischen Blicks“ konfrontiert ‒ und damit mit der Einsicht, dass Wissenschaften wie auch ihr jeweiliges Umfeld stets interessenabhängig und nicht frei von bestimmten Vorannahmen sind. Das wirkt zunächst ernüchternd, es lehrt einen aber auch, eigene wie fremde Positionen im Sinne der Hermeneutik immer wieder neu zu verorten und kritisch zu reflektieren. Wissenschaft wird dadurch als etwas zwar Unsicheres, Unabgeschlossenes (und Unabschließbares), zugleich aber auch als etwas Lebendiges, Kreatives, Gestaltbares erfahren, und diese Erkenntnis kann durchaus mußevoll sein; sie entschädigt zumindest für den Verlust an Eindeutigkeit und Gewissheit, den man sich anfangs von Studium und wissenschaftlicher Tätigkeit erhofft haben mag.

Zur Veranschaulichung mögen einige Einblicke in die wechselvolle Geschichte des Faches Slavistik in Deutschland dienen. Die Slavistik hat sich hier Mitte des 19. Jahrhunderts als Teilgebiet der historischen Sprachwissenschaft herausgebildet. Die slavischen Sprachen sind ein wichtiges Bindeglied in der Familie der indoeuropäischen Sprachen, sie waren also wunderbar geeignet, um die damals sensationelle These von der indoeuropäischen Sprachverwandtschaft zu belegen. Ein Interesse an den lebendigen slavischen Kulturen selbst bestand in der Regel kaum; wenn man sich mit ihnen befasste, so geschah dies außerhalb des akademisch-universitären Rahmens (z.B. Reiseberichte). Nun ist die vorrangig sprach-(und nicht kultur-)wissenschaftliche Orientierung philologischer Disziplinen im nationalistisch- positivistisch orientierten 19. Jahrhundert an sich noch nichts Besonderes. Im Falle der Slavinen war sie jedoch von vornherein verbunden mit dem Vorurteil, dass die slavischen Völker ohnehin keine beachtenswerte Kultur besäßen. Seit der Aufklärung verfestigte sich im Zuge der verstärkten Exotisierung und Alterisierung fremder Kulturen das Konstrukt „Osteuropa“, das wie selbstverständlich von einem Kulturgefälle West-Ost ausging, und in dem den Slaven oder „Osteuropäern“ obligatorisch die Rolle der Nachzügler, Nachahmer, Zuspätgekommenen zugeschrieben wurde. Obwohl sich diese Einstellung im Laufe des 19. Jahrhunderts unter westlichen Intellektuellen vielfach relativierte ‒ man denke etwa an den spektakulären Erfolg der russischen Literatur im Westen ‒, blieb die universitäre Slavistik biszum Zweiten Weltkrieg durch sie geprägt; die Slavinen dienten weiterhin vorwiegend als „Futter“ für die historische Sprachwissenschaft, auch wenn erste Stimmen auf die kulturelle Vermittleraufgabe des Fachs zwischen Ost und West hinwiesen. Neue Nahrung fand das Klischee von der „Andersartigkeit“ Osteuropas durch die russische Revolution 1917 und die Entstehung der Sowjetunion, die im Westen vereinzelt utopische Hoffnungen weckte, zumeist jedoch nur als Bestätigung für das kulturlose „Barbarentum“ des Ostens gesehen wurde. Verstärkt wurde die ideologische Aufladung des Themas durch die große Emigrantenszene, die sich nach der russischen Revolution im Westen bildete und die zunehmend auch Einfluss auf die wissenschaftliche Slavistik gewann.

Der Nationalsozialismus bedeutete für die Slavistik wie für viele andere Disziplinen eine radikale Zäsur. Das anfangs durchaus noch wohlgelittene Fach kam nach Beginn des Kriegs mit der Sowjetunion weitgehend zum Erliegen. Die Ideologeme vom slavischen „Untermenschen“ und vom „Lebensraum im Osten“ sind jedoch im Grunde nur die brutale Ausformulierung jener Vorstellung von der „Minderwertigkeit“ osteuropäischer Kulturen, die im westlichen Bewusstsein seit langem als unhinterfragtes Axiom verankert war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus schienen sich dann für Slavist*innen endlich goldene Zeiten anzubahnen. Das Fach erfuhr seit den 1950er Jahren einen schwunghaften Ausbau, überall entstanden neue Lehrstühle, Professuren, Lektorate; erst jetzt kam es auch zu der in den Neuphilologien üblichen Teilung in Sprach- und Literaturwissenschaft. Dieser Aufschwung erklärt sich jedoch nicht aus der Einsicht, dass man etwas nachzuholen oder wiedergutzumachen hätte, sondern schlicht aus dem Kalten Krieg, der zu einer erneuten Instrumentalisierung der Slavistik führte. Es bestand ein massives politisches Interesse an einer exakteren Kenntnis des „Ostens“, im Klartext hieß das vielfach auch: an der Bestätigung alter Vorurteile, und von den westlichen Slavist*innen wurde erwartet, dass sie diesem Interesse genügten und entsprechende Meinungen propagierten. Wertfreiheit galt für manche eher als Untugend. Als ich Ende der 70er Jahre mein Studium begann, war es in der Slavistik durchaus üblich, alles Sowjetische zu verteufeln, die Literatur und Kultur der Emigration unangemessen zu erhöhen und diejenige der Sowjetunion ebenso demonstrativ abzuwerten und/oder zu ignorieren. Viel weiter verbreitet aber war eine Wissenschaftshaltung, die sehr sorgfältige und ergiebige Forschungen hervorbrachte, sich dabei aber auf die „guten alten Zeiten“ vor der russischen Revolution (oder zumindest vor den 30er Jahren) beschränkte. Dazu kam der aus den politischen Enttäuschungen und Frustrationen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene New Criticism, der einen Rückzug der Literaturwissenschaft in die „reine“ immanente Textarbeit oder in die Welt der Intertextualität als einzig „richtigen“ Umgang mit Literatur propagierte und allgemein viel Zuspruch fand. Bezüge zwischen Literatur und Gesellschaft herzustellen, wie es vor allem seit der 68er-Zeit zunehmend gefordert wurde, galt besonders in der ideologisch exponierten Slavistik als suspekt, denn das taten ja schon die „verirrten“ marxistischen Kollegen im Osten. In den 70er Jahren brachten dann der Übergang zu einem Methodenpluralismus sowie der Siegeszug des Strukturalismus in den Literaturwissenschaften auch der deutschen Slavistik eine größere Vielfalt und ideologische Entspannung. Durch den Strukturalismus rückte die Slavistik insofern ins Zentrum des Interesses, als es sich um eine Methode handelt, die ihren Ursprung in Osteuropa hat. In westlichen Methodendebatten begann nun ein eifriges slavisches Namedropping, auch wenn man oft nicht wusste, wie man diese Namen ausspricht, wie es ja bis heute in westlichen Medien aller Art nicht für notwendig befunden wird, sich um eine korrekte Wiedergabe slavischer Namen zu bemühen ‒ das sind kleine, aber feine Marker, die viel darüber aussagen, wie eine andere Kultur insgeheim eingeschätzt wird. Im Übrigen wird der Strukturalismus in Verbindung mit dem ihm folgenden Poststrukturalismus heute wieder eher als „westliches“ Produkt verkauft, vorwiegend französischer und amerikanischer Provenienz. Wie stark die Spuren sind, die aus Osteuropa emigrierte Intellektuelle als Lehrer bei ihren französischen und amerikanischen Schülern hinterlassen haben, ist noch immer allenfalls ansatzweise erforscht, das Thema passt einfach nicht zu dem tief verwurzelten Vorurteil, demzufolge Kulturtransfer grundsätzlich immer nur von West nach Ost stattzufinden hat.

Solche Erfahrungen führten dazu, dass die Freude unter Slavist*innen verhalten war, als mit dem Ende der Sowjetunion und des Sozialismus in Osteuropa um 1990 ein unvorstellbarer Run auf die Slavistik in Deutschland und anderen westlichen Ländern einsetzte, mit zum Teil verzehnfachten Zahlen von Studienanfängern. Diese „Modewelle“ war eher ein weiterer Beweis für die problematische Konjunkturabhängigkeit des Faches, außerdem führte sie zu chaotischen Verhältnissen. Nicht nur, dass die Kapazitäten für die Massen von Interessenten nicht entfernt ausreichten. Westliche Studierende scheiterten schnell an der Sprachbarriere, die im Slavischen um einiges höher hängt als beim Erlernen westlicher Sprachen. Die zahlreichen Studierenden aus slavischen Ländern, die nun mit der Hoffnung nach Deutschland kamen, dass sie ja bereits eine oder mehrere slavische Sprachen beherrschten, scheiterten hingegen häufig daran, dass sie in einem völlig anderen Bildungssystem sozialisiert worden waren. Parallel dazu setzten überdies ‒ in Deutschland und in anderen westlichen Ländern ‒ in der Politik Überlegungen ein, die Slavistik radikal zurückzufahren. In den 90er Jahren kam es zu massiven, für die Betroffenen schwer belastenden Evaluationen, eine Reihe von Seminaren mussten um ihre Existenz kämpfen, einige wurden geschlossen. So paradox dieses Vorgehen anmutet, liegt es doch ganz auf der Linie der alten politischen Logik, die die Existenzberechtigung der Slavistik an den Kalten Krieg knüpfte. Jetzt, wo in Deutschland so viele Menschen lebten, die Russisch und andere slavische Sprachen sprächen, sei eine Slavistik ja wohl nicht mehr so notwendig, war von Evaluationsfachleuten zu hören, was Elisabeth Cheauré einmal zu der Gegenfrage veranlasste, ob man denn dann nicht in erster Linie die Germanistik abschaffen müsste, weil in Deutschland ja so viele Menschen Deutsch sprächen. Es gab auch so absurde Vorstöße wie, ob man nicht den Unterricht des Tschechischen und des Polnischen zusammenlegen könnte, damit man auf eine höhere Teilnehmerzahl käme. Dahinter verbirgt sich die alte Einstellung des „Ist es ja eh alles gleich“ und nicht wert, differenzierter betrachtet zu werden. Bis heute wird oft undifferenziert von „Slavistik“ gesprochen, ohne dass man sich klarmacht, dass sich dahinter mehr als zehn gesprochene große Sprachen verbergen und eine ganze Reihe kleinerer. Das ist, als würde man bei einem Romanisten automatisch davon ausgehen, dass er für alle romanischen Sprachen gleichzeitig zuständig ist.

Warum habe ich so ausführlich über die Geschichte der Slavistik berichtet? Ich wollte deutlich machen, dass für jemanden, der eine mußevolle Beschäftigung mit Wissenschaft in der Annäherung an das Ideal der theoria, des interesselosen Schauens, sieht, die Slavistik entschieden das falsche Fach ist. Ich wollte nicht zeigen, dass man in der Slavistik keine Muße finden kann. Muße kann wie anfangs erwähnt meiner Ansicht nach auch in der Einsicht in die hermeneutische Verstricktheit der Wissenschaften (primär der Geistes/Kultur/Sozialwissenschaften, aber auch der MINT-Fächer), in der Erfahrung des „Mittendrinseins“ liegen. Die Erfahrung meines Faches (oder meiner Fächer, ich habe außerdem Osteuropäische Geschichte und Soziologie studiert) hat mich gelehrt, die Aufgabe der Wissenschaft vor allem in der Ideologiekritik im Sinne von Marx oder der Kritischen Theorie zu sehen, das heißt im steten Hinweis auf die Differenz zwischen der Wirklichkeit und dem Bild, das sich verschiedene Interessengruppen und Individuen von dieser Wirklichkeit machen. Dabei verstehe ich Wirklichkeit nicht als objektive Gegebenheit, sondern eher als Summe der unzähligen interagierenden Bilder von und Interessen an Wirklichkeit, die für uns niemals als Ganzes fassbar und verfügbar sind, sondern von denen wir immer nur ein Teil sind. Folglich heißt Wissenschaft für mich auch nicht, mich über solche Prozesse zu stellen (oder auch nur die Erwartung zu haben, dass so etwas möglich sei), sondern mir ihrer bewusst zu werden und sie stets im Bewusstsein zu halten ‒ ein stetes Kratzen an der Beharrlichkeit der eigenen und fremder Ignoranzen.

Die breite kulturwissenschaftliche Entfaltung und die Tendenz zur Interdisziplinarität, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu beobachten waren, kamen in Verbindung mit dem intensivierten Austausch mit Osteuropa der Slavistik ausgesprochen entgegen. Mit dem wachsenden Interesse an Standpunkttheorien und am Wechselspiel von Identitäten und Alteritäten (gender studies, postcolonial studies etc.) kam die „halbverwandtschaftliche“ Stellung der slavischen Kulturen gegenüber den westeuropäischen zur Geltung, die die Slavist*innen in die hermeneutisch vorteilhafte Position bringt, mit einem Bein in der eigenen, mit dem anderen in einer fremden Kultur zu stehen und sich jenen doppelten, „schielenden“ Blick zu eigen zu machen, wie er z.B. auch für das Weibliche in der patriarchalischen Ordnung postuliert worden ist. Die Spezifik meiner wissenschaftlichen Arbeit liegt wie gesagt nicht darin, dass ich über den Dingen zu stehen versuche, sondern dass ich mich als mittendrin, noch genauer gesagt: als am Rand stehend empfinde, so dass ich zwar nicht alles überschauen, aber doch in verschiedene Richtungen und über Grenzen hinweg blicken kann. Das verschafft mir oft ein Gefühl, das ich mit Muße gleichsetzen würde: das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, Brücken im ‒ realen und geistigen ‒ Raum zu bauen und ständig in diesem Raum unterwegs zu sein, oft im Modus des Flanierens, der zufälligen Entdeckungen. Ganz gleich, ob ich über Methoden diskutiere; ob mich während der Turgenev-Ausstellung in Baden-Baden wie eine angenehme Welle das aufrichtige Interesse der Besucher*innen überwältigt, einen anderen Blick auf Osteuropa zu werfen als den zwischen Verteufelung und Gutmenschentum schwankenden, tagaus tagein in den Medien gebotenen; oder ob ich einem Freund helfe, die Unterlagen über seinen in russischer Kriegsgefangenschaft umgekommenen Onkel zu übersetzen, die nunmehr endlich zugänglich sind: Slavistik ist ein Fach, das vielfältige Möglichkeiten zum Engagement und zur Horizonterweiterung bietet (wenn auch nicht immer mit angenehmen Erfahrungen verbunden und schon gar nicht mit lukrativen Berufsperspektiven), ein Fach, für das man „brennen“ kann und sollte, und das ist es, was gemäß meiner jahrzehntelangen Uni-Erfahrung Muße ausmacht und was in der Forschung und in der Lehre in beunruhigendem Maße abhandengekommen ist: die Fähigkeit, für sein Fach zu „brennen“ und diese Flamme nicht von vornherein unter den Fragen „Was kann ich wo damit anfangen, und wieviel kann ich dabei verdienen?“ zu ersticken. Solche Fragen sind völlig legitim, zugegeben, aber in puncto Muße hat man damit von vornherein verloren. Vielleicht sollte man sich also mit dem Stellen solcher Fragen zumindest etwas Zeit lassen, wenn man sich der Wissenschaft zuwendet. Das mit dem „Brennen“ klingt vielleicht nostalgisch, pathetisch, emotional. Ich denke aber ‒ um mit einem schönen Vergleich von Virginia Woolf zu sprechen ‒ nicht an die „rotglühende“ Flamme des verbissenen, betroffenheitstriefenden Engagements, das immer mit einer Befangenheit in dogmatischen Standpunkten einhergeht, sondern an die Flamme des „weißglühenden“ Engagements, das zwar nicht zu einer Überwindung aller Standpunkte gelangt, wohl aber zu der paradoxen Fähigkeit, im Spiel der Standpunkte mitzuspielen und es zugleich als Spiel zu durchschauen. Daraus resultiert so etwas wie liebevolle (Selbst)ironie oder Gelassenheit gegenüber dem eigenen Fach, und ‒ um den Paradoxa der Muße noch eines hinzuzufügen ‒ eine Art leidenschaftlicher Leidenschaftslosigkeit. Genau darin liegt für mich die Chance zu einer Wissenschaft in Muße.